Rezension: Wer wir waren [Roger Willemsen – postume VÖ]

Hörtipp: Chris Isaak – Wicked Game live (wohl in den frühen 90ern)

Roger Willemsen
15. August 1955 – 07. Februar 2016

Roger Willemsen hatte -ob er das schon zu diesem Zeitpunkt ahnte oder nicht- seinen letzten öffentlichen Auftritt auf einem Hofgut in Mecklenburg-Vorpommern; er hielt dort seine Zukunftsrede – am 24. Juli 2015. Bereits am 06. August war er für seinen Freund Werner Köhler erst einmal nicht mehr erreichbar.*

Es jährte sich bereits, dass Roger Willemsen leise aber umso konsequenter ‚verschwand‘. Kurz vor den geplanten Feierlichkeiten zu seinem sechzigsten Geburtstag war er für seine engen Freunde nicht mehr erreichbar. Für den ewig ehe- und kinderlosen Willemsen waren die Freunde immer mehr als Wegbegleiter, sie waren Menschen, die bis zum bitteren Ende gegenseitig füreinander da sein. Dieser Schwur sollte sich für ihn schneller bewahrheiten, als jeder dachte. Dieser sprudelnde Charakter war unheilbar krank und legte den Stift zur Seite – für immer. Nur sechs Monate nach der Diagnose starb Willemsen in seinem (so schönen) Haus in Wentdorf bei Hamburg. So soll er zwei Tage vor seinem Tod gesagt haben, er sei im Reinen – und wiederholte zugleich die Aussage.

Roger Willemsen tot. Bis heute für mich unbegreiflich, eine ganze Weinkiste seiner Bücher steht in meinem Lesearbeitswohnzimmer. Wo sind Sie?, frage ich dann und wann in die Luft. Doch ich weiß es, war ich doch selber bei der von ihm noch selbst gestalteten Trauerfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Noch vor einem Jahr atmete Roger Willemsen, wäre anrufbar gewesen, besuchbar. Wie hat er Weihnachten verbracht? Wie in die Zukunft geblickt, die für ihn nicht mehr bestand?

Aus Roger Willemsens Nachlass, dessen Verwalterin Insa Wilke ist, wurde nun seine Zukunftrede Wer wir waren veröffentlicht. Es war die Grund-DNA für sein nächstes Buch, welches er aber nach der Diagnose abbrach. So soll zumindest diese Art Urschrift, deren Gedanken Willemsen so wichtig waren, seinen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht werden, schreibt Insa Wilke in den editorischen Notizen. Wilke war auch jene freie Publizistin, die mit ihm seine Werkschau zum Sechzigsten so grandios erstellte (ebenfalls bei S. Fischer erschienen). Leider konnte er auch diese Buchform zu seinem Sechzigsten nicht mehr gebührend gesund genießen.

Im Mittelpunkt seines manischen Interesses stand die „Gegenwart“, unser konkretes Heute, unser Jetzt, unsere Wirklichkeit, schreibt Jörg Bong, Chef des S. Fischer Verlags – sein ‚Verleger‘, wie er ihn nannte. Und genau diese wollte er betrachten, begutachten, bewerten, kritisieren. Seine Position dafür hätte nicht absoluter sein können: Die abgeschlossene Zukunft. Sein futurologischer Versuch ist deprimierend und entwaffnend tatsächlich. So konstatiert die ZEIT-Feuilleton-Ressortleiterin Iris Radisch, aus seinen Texten in Wir-Form spräche das bereits erkrankte Singular Willemsens, wenn er schreibt: Dass wir nicht mehr können, erliegen, dass wir unrettbar sind, in der Kapitulation leben, das sagten wir nicht, wir fühlten es bloß.

Willemsens Kernfrage ist: Wie kamen wir da hin, wo wir nicht estimierten hingewollt zu haben. Er nimmt klassische Beispiele wie Fernsehen, Luftfahrt, Tonfilm: In allen Branchen gab es ‚Erfahrene‘, die der neuen Technologie keine Chance einräumten, die die Geschichte aber eines diametral anderen (besseren?) belehrte. Er konstatiert Unrettbarkeit der Menschheit, verloren im Strudel der Technisierung, der dauerhaften Erreichbarkeit, der Vollverfügbarkeit den Arbeitgebern gegenüber. Die Rasanz sei das Therapeutische in Zeiten des Smartphones, wir seien der Gegenwart entrückt.

Willemsen hinterlässt uns in diesem Brevier einen Anker seiner Weltwahrnehmung. Eine deutlich dunklere, hoffnungslosere als wir sie von ihm kennen und kannten. Hoffen wir für unser aller Zukunft, dass auch auch ihm ein wenig der Blick des Erfahrenen zuteil wurde und so auch hier der Lauf der Zeit diametrale Wendungen schafft.

Roger Willemsen, editiert von Insa Wilke, erschienen bei S. Fischer

Interview des NDR Kultur mit Insa Wilke

Mein Nachruf, meine Hommage auf Roger Willemsen

Nachruf von Jörg Bong (S. Fischer Verlag) auf seinen Freund Roger

Video von Iris Radisch, DIE ZEIT, Rezension: Wer wir waren

Ich danke dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

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* siehe hierzu Trauerrede von W. Köhler auf hundertvierzehn.de