Rezension: Umbruch

Auch Gerhard Stadelmaier hat eine Affäre hinter sich. Eine Lawinky-Affäre, die vom Klang her ähnlich ist wie Bill Clintons Lewinsky-Affäre in den goldenen Neunzigern. Nur hat es hier mit keinem Amusement im direkten Sinne zu tun, sondern eher mit einem Eklat während einer Vorstellung im Frankfurter Schauspiel. Der Schauspieler Thomas Lawinky entriss dem FAZ-Theaterkritiker Stadelmaier während einer Vorstellung im Jahr 2006 dessen Notizblock, um darin symbolhaft zu schauen, „…was der Kerl so schreibt“. Stadelmaier verließ daraufhin die Aufführung und inszenierte sich als Opfer ausreichend selbstgenügsam. Die Zeit für Lawinky war in Frankfurt vorbei, doch Peymann bot ihm ad subito Anschluss am BE. Über die Burg führte es ihn aber nach Stuttgart, wo er heute noch fest spielt.
Nicht mehr spielen tut hingegen Stadelmaier, der letztes Jahr seine Altersgrenze erreichte und aus der FAZ ausscheiden mehr musste als sicherlich wollte. Die Weiterbeschäftigung im Stile Reich-Ranickis hätte er sich sicher nicht nehmen lassen – doch anscheinend bot es ihm keiner an. Für jemanden der jahrelang Stücke und somit die Leistung von Menschen im Kulturbetrieb bewertete, ist das Ruhen in sendungsloser Schwebe sicher kein allzu erstrebenswerter Zustand.
Also, was lag näher als ein Buch zu schreiben? Genau: Es auch zu tun. Und so ist beim Wiener Verlag Paul Zsolnay (Tscholnäy gesprochen) sein Roman Umbruch erschienen. Der Titel, das Cover (eine FAZ am Zeitungsleisten in einer Garderobe) lässt erahnen, aus was sich dieser Roman nährt: Seinem Leben als „legendärer Theaterkritiker“ – so der Verlag.

Abstraktionsvermögen scheinen ihm die Jahre im Dienste der FAZ gelehrt zu haben, denn mit Namen und genaueren Details will der Autor nicht belästigen. Umso mehr in Anspruch nimmt er das Gemüt des Lesers durch seine Sätze, seine Wortkonvolute. In allen drei Kapiteln gehen und sterben die Chefredakteure und tun es dann doch nicht. In allen drei Kapiteln wurde ich nicht warm mit dem Duktus´ Stadelmaiers.

Ich gebe ermattet auf nach Sätzen wie zum Beispiel:

„Und aus der Aktenablage des örtlichen Amtgerichts drangen Liebeslaute, im Basso profundo ausgekeucht vom Amtsgerichtsdirektor, verziert mit den Koloraturen, ausgejuchzt von einer amts- und stadtbekannten Lady, Gattin eines nichts sehenden, nichts hörenden, nichts sagenden brav-äffischen Biedermanns, die es außerehelich gerne mit höher gestellten Persönlichkeiten trieb, erst dem Amtsgerichtsdirektor, später einem Chefarzt, dem sie anläßlich eines Spitalaufenthalts so lang ihre, wie sie es zu nennen pflegte, „wunde Stelle“ zeigte, bis dieser gar nicht mehr anders konnte, als seinen Balsam dranzugeben.“

Subsummiert wirkt es, als wenn einer der immer kritisiert hat, ohne große Sorge vor dem Rückecho, nun alles daran setzte, keinesfalls der Banalität überführt zu werden. Diese Textart babylonischer Überdrehung bis ins schier Lacherzeugende ist aber nicht das, was mich fesselt.

Stefan Schulz (ehem. Schützling von Frank Schirrmacher, ehemals FAZ-Redakteur), urteilt in seiner Rezension auf Übermedien.de:

Aber Stadelmaiers Tür stand immer nur so weit offen, dass alle mitbekamen, wie viel Spaß er bei der Arbeit hatte. In allen anderen Momenten blieb sie fest verschlossen.

Ähnlich geht es mir bei der Erschließung des leserischen Nutzwertes dieses Buches. Die Tür bleibt fest verschlossen.

Positiv ist die Buchausstattung hervorzuheben. Bei Zsolnay können sie Bücher und schön ist das Logo der Verlags geprägt auf dem Buchdeckel.

Alle weiteren Informationen zu Umbruch von Gerhard Stadelmaier finden Sie beim Verlag.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.
Cover: Hanser Literaturverlage, Pressebereich