Rezension: Sozusagen Paris

Karl Lagerfeld bringt immer wieder gerne an, dass Witze erst dann lustig werden, wenn man über Allgemeinbildung verfügt. Das ist, meiner Meinung nach, nicht nur auf Witze, sondern auf alles anwendbar. So denke ich dabei spontan an den Film Ziemlich beste Freunde als der den Betreuer von Philipp spielende Omar Sy sich im Café über den matschigen Schokokuchen beschwert, weil er gar nicht weiß, dass derselbige eigentlich genau so sein muss, wie der Kellner ihm konsterniert mitteilt.

So ist es auch mit dem frisch vorgelegten Roman Sozusagen Paris von Navid Kermani bei Hanser Literaturverlage. Das Wörtchen sozusagen ist wichtig, denn ich würde sagen, dass man auch –Sozusagen ein Roman- schreiben könnte; eigentlich ist es eine gekonnte Erzählung eines Autors mit wenig strotzender Handlung und umso mehr Tiefe zwischen den Zeilen.

Kermani lässt seinen Protagonisten sein Alter Ego sein – einen Romanautor, der sich einer Jugendliebe als Protagonisten seines neuen Romans bedient. Dies bleibt selbiger nicht unbemerkt und so startet das Buch bei einer Lesung, nach dieser sich die Jugendliebe eine Widmung ersteht. Es startet eine gemeinsame Aufarbeitung der gemeinsamen Erlebnisse, der Lebenswege. Jutta ist Bürgermeisterin in einer Kleinstadt, kifft und ist in ihrem Reihenhaus mit ihrem Mann an einer Entfremdung angelangt, die eher einer WG gleicht. Das Warum eigentlich noch? gilt es zu beleuchten.

Kermani schafft es, mit viel indirekter und indirekt daherkommender direkter Rede, seinen Leser zu fesseln, in die Frage aller Fragen: Warum ist es wie so gekommen? Die Rückschau von Menschen im zweiten Drittel ihres Lebens, die sich mit einmal die Sinnfrage stellen, die ratlos sind, wie die Würfel fielen und wie viel Anteil sie selber daran hatten. Spiegelstriche stellen dabei ein immer wiederkehrendes Stilmittel dar; sowohl das Wort Roman ist in diesen eingefasst, als auch die Seitenzahlen – und auch die Redebeiträge im Buch werden so eingerückt.

Was hat das nun mit Allgemeinbildung zu tun? Kermani spielt die ersten einundsiebzig Seiten auf der Kippe zur vierten Wand und durchbricht sie auf Seite zweiundsiebzig. Nachdem er über lange Passagen den Leser in die Denke und Probleme eines Autor eingeweiht hat und offen dazu steht, die ganzen (sehr passenden und nicht zu sehr wollenden!) Zitate von Proust et al. eben nicht mal so eben aufsagen zu können, spricht er den Leser wirklich direkt an. Seine subtilen und dann doch direkten Angriffe auf Lektoren kommen einem als Autor bekannt vor; er lässt den Leser mit auf seinen Denkprozess ein und macht dann immer genau das, welches seiner Ansicht nach der Lektor sowieso verfluchen würde. Es bedeutet, der Autor schafft der Geschichte eine zweite Ebene der eigenen Nabelschau der Entstehung des Textes, ohne direkten Bezug auf die Handlung zu nehmen. Das habe ich so noch nie gelesen und finde es sehr erfrischend.

Der Autor schafft es also, mit leicht dahergehendem, aber umso tiefer wirkendem Text, schon philosophisch die großen Fragen des Lebens anhand der unerwarteten Interaktion mit seiner verflossenen Jugendliebe zu skizzieren. Eine herrlich tiefgründige und leicht von der Lesehand gehende Erzählung eines rückblickenden Mannes auf zwei Leben die sich tangierten und vielleicht dennoch nie berührten.

Kermani legt hier wirklich sozusagen etwas vor. Mehr als einen Roman. Mehr und weniger als eine philosophische Einlassung mit Handlungscharakter. Er bietet einen Einblick ins Schreiben, einen Wink zur kritischen Betrachtung der Liebe an sich und der Liebe im Form der Spießer und dann auch noch eine echte Geschichte.

Zur Ausstattung möchte ich auch etwas sagen: Das Buch riecht gut und hat ein wirklich handliches und schönes Format. Der Druck ist satt, die Serifenschrift hat eine angenehme Größe, streckt sich aber nicht zu sehr. Der orangene Einband mit deutlich ockerfarbenem Stich wiederholt sich aus dem Titel des Schutzumschlages der mit einem 90 Grad nach rechts gekehrtem Motiv einer zweifarbigen Fachwerkhauslandschaft bedruckt ist. Ein Sinnbild für die Verkehrung im Leben der Protagonistin, die in der piefigen Kleinstadt als Bürgermeisterin waltet und deren Leben doch nicht so gerade scheint, wie es die Hausfassaden wahrmachen wollen.

Für jeden reflektierten Charakter, spätestens ab dreißig, eine wirkliche Leseempfehlung von mir. Navid Kermani Sozusagen Paris hier bei Hanser.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Tipp: Das Hörbuch wurde von Christian Brückner eingelesen! 

img_7273