Ein verstummtes Kind.

Winter. Schneelos. Kalt. Der Wind faucht um den Funktionsbau, schneidend kalt und doch ausdruckslos. Die Bäume kahl und der Himmel hängt am Haussims. Man kann Beton und Horizont nicht unterscheiden. „Winter“ in norddeutscher Tiefebene. In den Zehnerjahren eine Periode eindruckslosem Fehlens von Temperatur/Kontur/Leben. Mehr nicht. 

Riesige Schiebetüren aus blankem, kalten Metall mit dicken Gummilippen, die auch das nachdrücklichste Zuschieben puffend abfangen. Im Krankenhaus zu sein und nicht in einer andersartigen Verwertungsanstalt, zeigen die roten Kreuze auf rundem weißen Grund. Sie weisen den Weg in die Notaufnahme des Krankenhauses der Maximalversorgung in der ich meine Berufspraktika vor über zehn Jahren absolviere. Hier, wo der Herzschlag des Hauses tobt, der in Krankenhausserien simuliert wird und im Gegesatz zum restlichen Inhalt wirklich so stattfindet und keine Fiktion ist. Hier sitzt der namentlich bekannte Obdachlose neben dem Banker, die Mutter aus dem Problemviertel neben der Rentnerin aus dem Altbau gegenüber. Auf dieser Bühne des Lebens mit Brettern aus federndem PVC und dem dauerhaften Geruch aus Urin, Desinfektion und Plastik. Dort lerne ich sie kennen, in einem Behandlungszimmer; eine Infektion, eine von unzähligen. Sie ist Mitte 20, mit ihren Eltern angekommen, es ist noch früh, keine zehn Uhr. Ich soll hier in der Notaufnahme eigentlich unter der Vortäuschung von praktischem Fachwissen lernen, Zugänge zu legen und Blut abzunehmen. Ausgestattet mit einem Baumarkt-Plastik-Köfferchen ziehe ich von Patient zu Patient und bin mehr oder minder erfolgreich. Die Patientin, der ich gleich dreimal neben ihre Vene steche und die sich die vergeblichen Einstichstellen versucht synchron zu pressen, schaut vorwurfsvoll und beginnend verachtend, als ich nur noch zwischen den Lippen hervorpressen kann, nun doch mal den Arzt holen zu müssen; in der Hoffnung, dieser könne das dann. Just auf diesem Weg werde ich bei meiner stichigen Aufgabe unterbrochen, ich solle helfen. Als Mensch ohne freien Willen komme ich also zu ihr. Ihre Eltern schauen sorgenvoll aber auch mit einer Prise leidvoller Erfahrenheit. Sie muss dableiben, wie so oft. Routine, der Lästigkeit längst entrückt. Man ist vorbereitet. Sie hat ein Kuscheltier im Arm, die Augen auf, starrer Blick an die Decke. Wirkt unversehrt, aber wie eine DVD auf Pausetaste. Und das seit Jahren. Die Papiere für die Station dauern, das Warten gehört zur olympischen Disziplin, ich lehne am Waschbecken, denn Zustechen muss ich hier nicht und der Vorwurfsblick gilt hier nicht mir. Daher bleibe ich, im Windschatten der Fehlerpause. Der Vater schweigt, er ist ruhig. Ruhig geworden. Denn seine Frau gibt mir einen Einblick, warum sie vor uns liegt. Es ergibt den Wissensstand, der einen meist verborgen bleibt; der Leidensweg der zum Mitleiden mitreißt. Sie, ihre Tochter, die einzige, wollte sie sonntags besuchen, zum Frühstück. Es war eiskaltes, klares Wetter, Schnee bedeckte die Dörfer auf dem flachen Land. Nur eine Ortschaft weiter lebt ihre Tochter, sie telefonieren, die Tochter setzt sich hinters Steuer. Die Eltern machen Kaffee. Er dampft und verdampft, wird kalt. Sie kommt nicht an. Überfrierende Nässe. Ich versteinere, benetze die Lippen und nestele an meinem Kasack, dass nach Industrie-Reinigung müfft. Das Plastiknamensschild welches mich als Praktikant ausweist, als Warnschild fungiert, als Mahnung der eigenen Verve dient, es hängt schief. Sie überlebt. Aufatmen. Und wacht aus dem Koma doch nicht mehr auf. Irreversibel. Wachkoma, Locked-in-Syndrom. Sie atmet, hat Herzschlag, die Augen sind geöffnet, man wartet jede Sekunde auf das Einsetzen eines Satzes. Der nie kommt. Aus Eltern, von den sich abgelöst war, wurden über Nacht wieder Eltern. Auf Lebenszeit. Mit Kuscheltier und sorgenvollem Blick. Zwischen Aufopferung und eigenem Untergang, immer am Rande. Sie wirkt völlig unversehrt, von den schweren Kopfverletzungn ist auch bei genauem Blick nichts zu erkennen.Sie wirkt wie eine fiktive Figur die des Alterns entsprungen ist. Unversehrbar, zu versehrt. Und so liegt sie vor uns unter der leichten Decke des Krankenhauses auf der rhythmisch immer wieder der Name desselbigen steht. Wie in einer Dauerwerbesendung. Oder eben der nervigste Dienstahlschutz, denn Menschen klauen auch reudige Decken. Was geht in ihr vor? Geht überhaupt etwas in ihr vor? Die Leiden des ELLE-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby lassen schlimmstes erahnen. Sollte es allen so gehen? Was bedeutet dieser Zustand, der, der modernen Medizin geschuldet, Jahrezehnte stabil dauern kann? Sie könnte ihre Eltern über-leben. Aber. Wie viel leben ist noch Leben? Ist es die langfristigste Art des Sterbens? Der bewussteste Vortod? Kann sterben doch die präferierte Wahl sein? Es beklemmt mich bis heute. Menschen, die unserer Welt weiter entrückt wirken als Gestorbene. Es ist so latent, so un(be)greibar und die eiskalte Angst, Menschen jahrelang zu betreuen, die vielleicht Kontakt aufnehmen wollen, aber nicht mehr können. Einbetoniert im eigenen Körper. Nicht bis auf Widerruf. 

Einsam zu zweit, schreibt Susanne Juhnke.

Dieser Essay ist eine Vorversion der Rezension des Buches von Susanne Juhnke Was bleibt, ist die Liebe.