Rezension: Unter einem Dach

Henning Sußebach ist Redakteur der ZEIT. Und hat ein Buch geschrieben. Auch hier hat di Lorenzo „versagt“ oder eben nicht. Denn er müsse den Redakteuren immer beibringen, eben keine Autoren zu sein, so der Chefredakteur der ZEIT bei einem Vortrag in München. Vielleicht hat Sußebach eben deshalb den parallelen Schreibexit gesucht. Sicher ist, zusammen mit „seinem“ Flüchtling Amir Baitar, der so gar nicht heißt, hat er wider meiner Erwartung ein gutes Buch hingelegt. Wider Erwarten deshalb, da ich manchmal die Hürden der Verlage für etablierte Journalisten zu gering finde. Nicht jeder, der Artikel schreibt, ist auch ein Buchautor. Und so lese ich den wechselseitig geschriebenen Erfahrungsbericht in asynchroner Kapitellänge während einer Zugfahrt von Frankfurt am Main nach Dresden in einem Stück. Die Buchausstattung ist gut, die Serifenschrift in angenehmer Größe bei gleichzeitig guter Drucksättigung.

Sußebach, Jahrgang 72 und Baitar, Jahrgang 91, Syrer, geflohen und im Flixbus 150 am Hamburger Busbahnhof im Schietwetter angekommen, schreiben nicht nur Ihre Erfahrungen plump auf, sondern es gelingt, eine Weiterentwicklung beider Charaktere zu erlesen. 

So entspricht Sußebach mehr dem Klischee als ihm lieb sein wird. Links, öko, veggy, feingliedrig und feinfühlig mit zwei Kindern und geliebter Frau im Vororthäuschen. Er pflanzt lieber Blumen als sich um die Haustechnik zu kümmern. Das überlässt er seiner Frau, Nicole, die manchmal sogar Fleisch ist! Gleichzeitig geht man verlottert-cool gekleidet zur Arbeit, immer etwas zu laissez-faire mit den Kindern. Andere seien mit 30 cool alleine gewesen und mit Mitte vierzig hundeeinsam. Alles in allem findet man sich, klischeehaft, ziemlich passend.

Als Baitar durch einen Emailaufruf unter Kollegen zu Sußebach, seiner Frau, deren Tochter (15) und Sohn (10) kommen, wird das Zusammenleben einem Röntgenbild voller Zwischentöne gleich. Wie agieren mit einem gläubigen Muslim im ehemaligen Arbeitszimmer? Wie verhalten im Alltag, bei Freunden? Wenn das Glas mit Alkohol ein Problem wird, zeigen beide engstirnige Tendenzen. Exemplarisch stellen sie die Probleme dar, die auch draußen herrschen; mit dem wichtigen Unterschied: Sie bekommen sie geregelt. Wer auf wen wie zugeht und ob Baitar seinen knallroten Haspa-Becher für alle Getränke panisch weiterbenutzt, sich nach Händeschütteln mit Nicole mit der Colaflasche rituell wäscht und welche Konsequenzen Sußebach aus der Kritik des Syrers an seinem vermeintlich cool-verlotterten Lebensweg zieht, lesen Sie in:

Unter einem Dach – Amir Baitar und Henning Sußebach – Klicken Sie beim Rowohlt Verlag für mehr Informationen.

Ich danke dem Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplar. Ich erhalte kein Honorar.