Rezension: Der letzte Zeitungsleser

Ich entdeckte dieses Buch doch wirklich in einer Buchhandlung. Wo doch mein Geschmack eher in den hinteren Ecken herumzufliegen drohen tut. Und bei diesem Buch hätte ich den Verlag auch um ein Rezensionsexemplar angebettelt. Soweit kam es nicht, der Galiani Verlag aus Berlin war so nett, mir ein Exemplar zur Besprechung zur Verfügung zu stellen.

Das Buch wird seinen Platz auf der Bibel-Ebene erhalten, auch wenn man es nicht gelesen hätte. Denn wie sein beschworenes Element, die gedruckte Zeitung, ist das Buch als haptische Erfahrung in sich schon einen Kauf wert. Es ist die Fortführung einer Zeitung in Buchform; der Einband mit Liebe, Detailtreue und der authentischen Hingabe zum Zeitungsmedium gestaltet, setzt sich selbiges im Inneren fort. Denn die Seiten sind nicht ausgefüllt, strotzen vor vermeintlich verschwendetem Platz. Denn, so erschließt es sich einem Zeitungsleser auf dem zweiten Gedankenabsatz: Die Spaltenbreite des Textes ist die einer typischen Meldung in einer Lokalzeitung. Das Papier ist rauer, hat einen guten Grip und Duft. Allein mit dem Äußeren brauchte ich etwas, um es ausgiebig zu genießen.

Geschrieben hat diese Liebeserklärung zur Zeitung Michael Angele, Redakteur der Wochenzeitung der Freitag aus Berlin (selbige gehört Jakob Augstein, dem adoptierten Sohn Rudolf Augsteins).

Angele, der selber bekennt, nicht der Vergangenheit zwanghaft verhaftet zu sein (führte eine frühe Internetzeitung als CR), zeichnet mit Hingabe seine Erlebnisse rund um das riechende, knisternde Etwas, das schlussendlich auch noch Informationen bietet.

Doch darum geht es bei einer Zeitung doch nicht!

Denn sie ist sinnliches Objekt, Beweis der Weltgewandtheit, zwischenmenschlicher Abstandhalter, Allzeit bereite Fliegenklatsche, Füllpapier, Tapete, Zeitdokument, Notizblock und noch so viel mehr. Zeitunglesen ist Sinnlichkeit, ist Darstellung und Abschottung zugleich.

Angele schafft es, seine Anekdoten fließend-parlierend zu präsentieren. Als Dreh- und Angelmoment nimmt er den Zeitungsleser schlechthin: Thomas Bernhard. Auch wenn dieser Ausnahmeautor nicht der leichtest zu ertragende Zeitgenosse gewesen sein dürfte, ist sein damaliger Einsatz für das Zeitunglesen sprichwörtlich bis heute; und bisweilen nicht untersucht. Es stellt folglich im Buch jemand die Frage, ob Bernhards Zeitungsaffinität wirklich „echt“ gewesen sei, oder doch von ihm bewusst stilisiert. Völlig egal, entgegne ich, denn die Zeitung ist eben nicht (!) dafür da, nur stumpf gelesen zu werden.
Für mich ist eine gedruckte Ausgabe immer noch ein Quell der Freude, auch wenn ich es nicht schaffe, sie zu lesen, oder eben nur die angestammten Teile. Der Autor bricht die Lanze für ein definitiv vor dem Ende stehenden Medium der Informationsverbreitung. Giovanni di Lorenzo hat natürlich Recht, wenn er sagt, er sei kein Holzhändler, ergo ihm das Medium egal, aber irgendwie ist es doch ein wesentlicher Schritt; alleine schon der Look von Trafiken, Kiosken weltweit wird sich ändern – aber wie?
Wie die Kaffeehäuser ohne Rauchwaren, wird es in zwanzig Jahren sicher auch nur noch sehr wenig Zeitungen geben; Wochenzeitungen, Wochenmagazine sicherlich noch – hoffentlich. Der Konsum ändert sich, die tägliche Tageszeitung ist aufgrund der gestiegenen Belastung des Lebens zu viel. Der Drang nach reflektierter Faktenlage größer geworden. Das Angebot inflationär, die meisten News sind alt, wenn man die Zeitung vom Tage aufschlägt. Es macht sie obsolet. Doch wir sind schon wieder in der Nutzungstheorie, und das ist hier gerade falsch.

Angele ist anzumerken, er macht es mit Herzblut und mit der Erfahrung, auch eben bei den Großen sich anstellen zu müssen. So nimmt er mit Claus Peymann (ehemals Burg, bis 2017 noch BE; siehe auch: Claus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit Essen) Kontakt auf, um mehr über Bernhards Zeitungsrituale zu erfahren, stellt fest, dass Bernhard-Archiv ist just geschlossen und Peter Handke schreibt ihm einen kurzen Brief zu einer zeitungsrelevanten Frage; dieser ist auch abgedruckt in sehr stimmiger Weise in den Text ohne aufzumotzen und optisch laut zu werden.

Nun, es wissen alle, wie sehr ich Zeitungen liebe, sonst wäre meine Wohnzimmerwand nicht mit den wichtigsten Titelseiten der internationalen Zeitungswelt tapeziert.

Daher rate ich jedem, der Zeitungen, Drucksachen und den Duft von Druckerschwärze liebt, sich dieses liebevolle Büchlein aus dem netten Verlag Galiani Berlin (gehört zu KiWi) zu kaufen.

Weitere Informationen zum Buch erhalten Sie beim Verlag.

Das Buch wurde mir freundlicherweise – insbesondere da unbekannterweise – , wie einleitend schon berichtet, kostenfrei vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.

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