Rezension: Blühender Lavendel

…über Menschengeschichte.

Verlage tragen ihre Autoren zu Markte. Das ist ihr vornehmlicher Job, der sie teilweise die Produkte bis zum Exzess ausstaffieren lässt. Dabei muss die Qualität des eigentlichen Buches nicht schlecht sein, wird aber verdeckt von einer dicken Schicht Marketingschick.

Barbara Hagmann ist, wenn auch nirgends wortwörtlich geschrieben, eine Aussteigerin. Die 1974 geborene Schweizerin hat sich beruflich aus dem Bankensektor verabschiedet und ist seit 2010 freiberufliche Journalisten. Jeder, der sich mit der Szene auskennt, weiß, dass man diese nicht für besseren Verdienst verlässt; man ist müde von dort herrschenden Verhältnissen, hat erkannt, dass man sich für Geld vieles, aber doch nicht alles kaufen kann.

Hagmanns vorliegender Debütroman aus September 2015 wäre mir nie in den Einkaufskorb gekommen; weder digital noch im so hochgelobten Buchhandel. Der Frankfurter Bücherschrank im Westend, dem Stadtteil in dem Hagsmanns ehemalige Kollegen wohnen würden, wenn ihr Leben und somit der Roman, nicht in der Schweiz spielen würden, ist von positiver Schuld. Unter dem Schatten des UBS-Turms (Opern-Turm) steht dieser Schrank auf der Bockenheimer Landstraße.

Mein Ritual, regelmäßig in diese Schränke zu schauen, hat mir schon einige Funde gebracht. Sammelstücke von Suhrkamp, Bücher mit Eintragungen oder eben Bücher, die ich nie gesehen hätte, da ich um die Abteilung oder den Algorithmus große Bogen machte.

Helmut Schmidt wurde gerne vorgeworfen, er sei in der falschen Partei. Genau so könnte man der Autorin den Vorwurf machen, sie sei beim falschen Verlag. Denn eigentlich gehört ihr Roman zu Suhrkamp; als psychoanalytische Fallstudie in populärwissenschaftlicher Aufbereitung und Darstellung. Es wäre die belletristische Variante von „Der Flieger“ von Argelander. Erschienen, wer hätte es nun nicht gedacht, bei Suhrkamp.

Initial war ich nur an dem Einband interessiert; er präsentierte entsprechende Marketingschmiere, aber mit entsprechend handwerklicher Finesse. Auf sehr eindringlich gemasertes Papier, wurde der Schutzumschlag mit Silberstich gedruckt. Der im Buch eine gar nicht mal so aufdringlich spielende Lavendel wird aufgegriffen; ein Kind streift durch ein Lavendelfeld.

Hagmann erzählt spielerisch, unterhaltend und doch mit einer Tiefe, die vielen Lesern vielleicht sogar gar nicht klar wird. Wer würde im Pilcher-Format tiefschürfende Abhandlung erwarten?

Herbert Kull und Simone Allemann arbeiten in derselben schweizerischen Bank. Tür an Tür und doch weit voneinander entfernt, seziert die Autorin die Eigenschaften der beiden Protagonisten. Kull hat Anleihen des Protagonisten Abschaffel des gleichnamigen Romans von Wilhelm Genazino. Ein einsamer, in Zwängen gefangener Mittfünziger mit einem stoischen, weil haltgebenden Tagesablauf. Nicht schön, aber akkurat. Ihn holt seine als perfekt idealisierte Kindheitswelt ein  gerät nachhaltig ins Wanken, nachdem eine seiner Schwestern ihn zur Therapiestunde zitiert.
Gleichzeitig wird die 35-jährige Simone Allemann von ihrem Freund verlassen mit dem sie sich mehr als nur eine Weltreise ausgemalt hatte. Von der perfekten Beziehung zu einem Trümmerhaufen des eigenen Selbst, ist es bei Allemann nicht weit. So realistisch beide Handlungsstränge auch sind, umso profaner mögen sie in der Beschreibung wirken. Doch, Vorsicht! Die Autorin hat tiefenpsychologische Kenntnisse und scheut nicht diese einzusetzen. So gibt sie durch mannigfaltigen und dennoch nie holprig wirkende Perspektivwechsel Einblicke in die Seelenleben der einzelnen Personen.

Sie zeichnet die Absurditäten der Finanzwelt in angenehmer Nebenwahrnehmung nach; komische Vorgesetzte, skurrile Kollegen, sinnlose Arbeitsabläufe. Kull ist dabei der verschrobene Kollege, den niemand mag, aber auch keiner wirklich wahrnimmt.
Allemann ist eine besonders tragische Figur, da dieser Typus selten offen thematisiert wird. Sie gehört zu der Gruppe der „Übriggebliebenen“. Frauen, die die 30 passiert haben, den entsprechend passenden Mann nicht finden und/oder halten konnten und nun, da auch im Job eben nicht auf der Akadmikerebene, dem Verwelken der eigenen Schönheit, welches sie bisher als ihr steuerndes Kapital wussten, unablässig ausgeliefert beiwohnen müssen. Vom im Club umgarnten Objekt der Begierde, zum Tuschelthema der Teeküche. Die Teppiche auf den Finanzetagen sind dick und teuer; und schlucken die Ungerechtigkeiten des Alltags mit großer Wirkung.

Was ein zwanghafter, unattraktiver Buchhalter und eine dem Verwelken entgegenstrebenden Assistentin einer schweizerischen Bank in einem sinnhaften Plot zusammenführt, lesen Sie in: Blühender Lavendel von Barbara Hagmann im Riverfield Verlag, CH.