Seh-Tipp: Gossen-Goethe?

Franz Josef Wagner sieht aus wie eine gelebte BILD-Zeitung. 
Gegerbt von jahrzehntelangem Genuss von Espressi und Gitanes. In Charlottenburg-Wilmersdorf lebend, bringt Wagner seit 2001 als „Chefkolumnist“ jeden Werktag seine Gedanken in die BILD. Auf die oft fälschlicherweise unterschätzte Seite 2. Er hat die Macht der Reichweite, das Werkzeug der schneidenden Thesen. Mitarbeiter der taz schüttelt es bei Wagners Texten. Die wenigen Zeilen entzürnen, verbinden oder lassen sprachlos zurück. Für Wagner, der Axel Springer noch persönlich kannte, wurde sein Posten nach kurzen, wohl chaotischen Intermezzi als Chefredakteur anderer AS-Blätter eigens geschaffen. Er steht im Rang und Verdienst eines Chefredakteurs. Diekmann hält ihm die Treue; sein Vertrag wird jedes Jahr auf Diekmanns twitter-Account bildreich verlängert. Leben könnte in die Bild’sche Kolumnenlandschaft 2017 kommen, wenn Herr Bosbach sein neues „Amt“ bei BILD nach Ausscheiden als MdB beginnt. 

Wagner, inzwischen über 70, wird 2006 von einem Reporter des NDR begleitet. Über die Art des Reporters kann man kritisch sein, dennoch wird der kamerascheue Wagner in seiner gänzlichen Scheu gezeigt. Hinter den markigen, auch mal verletztenden Zeilen, steht ein Mensch, der spät aufsteht, einsam lebt, und nur in der Paris Bar auf der Kantstraße in Kontakt zu Bekannten tritt. Es zeigt einen Mann, den durchaus quält, was er „verzapft“. Der sich ärgert und leidet und damit authentisch wirkt. Sein Büro ist gar nicht sein Ort, die Szene spricht Bände. Parties meidet er, in Talkshows fand er nicht statt (war inzwischen doch bei Lanz); mit dem Kamerateam tut er den tapsenden Partywalk. Und Otto Schily verweist auf „so“ einen Stapel Zeitung, den er täglich läse, uns so kein Konsument Wagners sei; er, Wagner, hätte aber ja genug Leser. 

Wagner proviziert, er ist hart im Feld der Buchstaben und weich im Miteinander. 

Da ist mehr als Gosse. Ein Mensch.

Franz Josef Wagner. Der Gossen-Goethe der BILD? Sehen Sie hier.

Screenshot: Youtube/NDR