Lese-Tipp: Interview Mathias Döpfner

…über Wege.

Mathias Döpfner, promovierter Musikwissenschaftler und ehemaliger Redakteur der FAZ, bezeichnet sich selbst als Betriebsunfall der deutschen Wirtschaft. Er kokettiert dabei mit seinem, für die Position des CEO des größten Verlags in Europa, einzigartigen Werdegang. Döpfner kam 2000 in den Vorstand von der damaligen Axel Springer AG und wurde nicht mit nachhaltiger Unterstützung bedacht, als er 2002 zum Vorstandsvorsitzenden gekürt wurde.
Die Unkenrufe haben ihr Ziel verfehlt, denn Döpfner hat aus der inzwischen als SE formierenden Aktiengesellschaft einen hochprofitablen Digitalverlag gebaut, der sich munter durch die Start-Up-Szene des Silicon Valley frisst. Nicht ohne Verweis, dort selber sich im Zweibettapartment mit der Region vertraut gemacht zu haben. So erinnere ich mich noch sehr genau, wie der Zwei-Meter-Mann Döpfner im grau melierten Hoodie (Kapuze in Nutzung!) in der LH-Eco, äh, saß, naja eher klemmte. Es war aber nicht ganz Origami was dies möglich machte, sondern ein Platz am Notausgang der 747.

Döpfners Stationen als Chefredakteur der WELT oder vorher bei Wochenpost und Hamburger Morgenpost vergingen kurz und klanglos, doch sein Wirken als CEO und Gestalter der Axel Springer SE von morgen, wirken wie ein Donnerhall in der Szene.
So meinte Döpfner schon zur Jahrtausendwende, dass der Journalismus drei Dinge benötige: „1. Internet, 2. Internet, 3. Internet“. Er sollte Recht behalten und wurde damals ebenso ver- und belacht wie bei seiner folgenden Berufung als VV.
2007 portraitiert ihn der ehemalige Springer-Mann Felix Schmidt (der auch mit Gero von Boehm arbeitete) für die Arte-Reihe „Ma vie – mein Leben“. In selbiger wird Döpfner zu unkritisch beleuchtet, sagen einige. Doch auch hier sagt Döpfner Wegweisendes: Man müsse den Fortschritt umarmen. Und Döpfner tut dieses mit sehr weiten, offenen Armen. Es mag, sinnbildlich, seinem Weitblick geschuldet sein, der ihm seine ungeliebte Körpergröße verleiht. Diese und seine Jugend, scheinen nicht die Glanzerfahrungen seines Lebens zu sein, wie er nun in einem langen Interview mit dem SZ-Magazin erstaunlich ausführlich erläutert.

Doch wehe dem der glaubt, Döpfner wisse nicht genau, was er preisgeben wolle. Denn die Trennung von seiner Frau ging genauso leise vonstatten, wie seine neue Beziehung mit Kunstsammlerin und Mäzenin Julia Stoschek. Mit selbiger hat er im ersten Halbjahr 2016 ein Kind bekommen. Leise erwähnenswert, dass diese Info von Wikipedia plötzlich wieder verschwunden ist. Sowohl die Beziehung als auch die Geburt.

Dennoch oder gerade weil Döpfner nicht hausieren gehen muss mit privaten Details, lässt das Interview zwischen den Zeilen und in selbigen viel Platz zum Spüren und Deuten dieses Mannes, der aus einem verstaubten Verlag eine digitale Maschinerie gestaltet hat, und noch wichtiger: weiter gestaltet. So erhöhte er zuletzt seinen eigenen Aktienanteil auf 3,07 Prozent. So wolle er sich weiterhin unternehmerisches Gefühl generieren.

Weiterhin zeigt Döpfner der Branche, dass man mit dem Totenglöckchen mehr Erfolg bei anderen säht, als gemeinsam unterzugehen. So geschehen bei der ZEIT um die 2000er-Jahre und nun eben auch seit Ende der 2000er bei Axel Springer. Der Verlag, der als erster ernsthaft an Paywalls arbeitete und diese auch umsetzte, weil man eben nur mit Aufmerksamkeit (gemeint: Reichweite) keine Miete zahlen könne (Döpfner 2012 in Forum Manager auf Phoenix). Döpfners Kernthese, journalistisch gut aufbereitete Inhalte zusammen mit Rubrikenangeboten und Kleinanzeigen in die digitale Tranformation zu bringen geht auf. User-generated-content sieht er dabei auch inkludiert, aber nicht fundamental.

So wundert es nicht, dass er mit UPDAY (Joint-Venture mit Samsung, Chef ist der ehem. WELT-CR, Jan-Eric Peters), dem Kauf von N24, dem Change von WELT in eine Multi-Channel-Redaktion und dem massiven Zukauf von frischen Firmen in den o.g. Branchen drastische Marktanteile gewinnt, auch durch generisches Wachstum.

Scheitern gehört zu ihm und er vollführt es vor allem leise und wirkt dabei aber nicht versteckend. Neben seiner Ehe, ist die Übernahme der pin-Group um 2007 zu einem finanziellen Desaster geworden. 100 Millionen Euro Invest waren weg, als der Mindestlohn kam und die Kalkulation des Briefservices atomisierte.

Der Mann der immer als letztes im Schulsport in eine Mannschaft nominiert wurde und der sich immer noch seiner Größe wegen unwohl und entfernt fühlt, hat sich der Zukunft mehr genähert, als alle anderen Noch-Branchen-Größen.
Es gilt ihn zu beachten. Denn wo Döpfner ist, ist oben. Und damit vorne.

Interview (paid