Lese-Tipp: Der neue Chef

…über Verheißungsvolles.

Kein Mensch kann aber handeln, ohne selbst zu sein. (…) Seine Gefühle und Selbstdarstellungsinteressen lungern während der Arbeit funktionslos herum und stiften Schaden, wenn sie nicht unter Kontrolle gehalten werden.

Manche Menschen haben die Kunst, ganz gewöhnliche und gleichzeitig abstrakte Vorgänge schriftlich zu definieren und wie unter einem Brennglas zu verdichten. Dabei ist es fast gleich, was sie beschreiben, hier zählt nur das wie. Sie finden Worte für das, was andere gar nicht sehen, sehen können, sehen können wollen.

Die Ethnographie der Chefetagen, (…), sind kaum entwickelt. – Jürgen Kaube

Niklas Luhmann, bereits 1998 verstorbener Professor für Soziologie, ist so ein Quell der klugen Worte und wird in allen drei dargebotenen Aufsätzen nicht müde die Strukturen von Organisationen, hier insbesondere Behörden, zu beleuchten.

Der Wechsel des Vorgesetzten gehört zu den wenigen aufregenden Ereignissen im Verwaltungsalltag.

Es ist Stoff, der mich in das Jahr 2003 zurückkatapultiert. Ich saß in der Eingangshalle meines Gymnasiums in Hannover und suchte intelligente Wege mich um die Erstellung der sog. Hausarbeit zu drücken. Der jetzt vorliegende Stoff erinnert sehr an Ulrich Becks Bücher, ebenfalls bei Suhrkamp erschienen.

Die Konflikttheorie stellt weder die Elastizität noch die Plastizität menschlicher Einstellungen hinreichend in Rechnung.

Dass die drei Aufsätze „Der neue Chef“, „Spontane Ordnungsbildung“ und „Unterwachung oder Die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ in diesem Suhrkamp-Brevier erscheinen konnten, hat ein neuer Chef möglich gemacht. Jürgen Kaube ist Nachfolger des im Sommer 2014 viel zu früh verstorbenen Frank Schirrmacher auf dem Posten des FAZ-Mitherausgebers für den Bereich Feuilleton. Und auch Suhrkamp wartet nach langer interner Streitphase mit einem neuem Chef auf. Einzig Luhmann war selber nie Chef. So konstatiert Kaube im Nachwort, hätte er wohl auch kein Buch über dieses Thema schreiben können, derweil Chefs in Sozialwissenschaften rar gesät seien.

(…) Zufriedenheit am Arbeitsplatz (…), und daß mancher nur deshalb zufrieden ist, weil er einen Fernsehapparat und keine anderen Hoffnungen mehr hat.

Luhmann seziert mit einer außergewöhnlichen analytischen Fähigkeit und Ausdauer die hierarchischen Gebilde von Bürobetrieben. Dabei scheint seit den sechziger Jahren kein Fortschritt in den ureigensten Wirkmechanismen zwischenmenschlicher Arbeitskultur geschehen zu sein. Wieder ein Beweis dafür, dass der vielgefürchtete Fortschritt, nicht der Kern allen Übels sein kann. Es ist also egal, ob und wie Arbeitnehmer Technik benützt oder in Voll- oder Teilzeit arbeitet. Die Hackordnung bleibt. Wie sehr erkenne ich die Strukturen wieder.

Denn der Verwaltungsmensch ist dazu prädestiniert, ein Taktiker zu werden.

Besondere Gewichtung bekommt etwas, was fast ob seines Namens zum Verlorengehen bestimmt ist: Das Nachwort. Kaubes wenige Seiten umfassende Nachsicht auf die Werke Luhmanns hat inhaltlichen und urteilenden Charakter und liest sich sehr angenehm. Kaube selbst hat zur Veröffentlichung dieses Buches erheblichen Teil beigetragen, indem er z.B. den dritten Aufsatz aus dem Nachlass Luhmanns barg und für die Veröffentlichung editierte.

(…) der triviale Umstand, dass „Chef“ eine Rolle ist, der Chef zugleich aber auch eine Person [ist] (…). – Jürgen Kaube

Wer leichte Lektüre sucht, sollte hiervon Abstand halten, gewiss. Doch wer die Bedürfnisse, Wirkwege und Abhängigkeiten in Firmenstrukturen in Relation zum Chef, hier insbesondere dem neuen Chef, in einer völligen Brillanz dargelegt haben möchte, dem sei dieses Brevier empfohlen. Für 10,00 Euro Invest auch eine wirklich erschwingliche Alternative zu angeblich so tollen „Ratgebern“.

Mehr Informationen über „Der neue Chef“ bei Suhrkamp

Verweise von Jürgen Kaube auf Sekundärliteratur:
– Katharina Münk, Und morgen bringe ich ihn um. Als Chefsekretärin im Top Management, Frankfurt am Main 2006
– Stephan Marglin, What Do Bosses Do? The Origin and Function of Hierarchy in Capitalist Production, Review of Radical Political Economics 6 (1974), S. 60-112, und 7 (1975), S. 20-37

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