Eltern wider Vernunft

…über Dialoge zum Verachten.

Charlottenburger Eltern über ihre Kinder. Nicht nur, dass die befreundeten Ehepaare am Kneipentisch in gewohnt zementierter Erwarungsanspruchshaltung das akademisch-lückenfreie Leben ihrer Kinder planen (Cambridge, mindestens!) – nein, auch was studiert werden soll, wird nach validen Grundlagen erörtert:

Ja, die Lisa kann ja Psychologie studieren, genug Irre gibt es ja.
Und nach zehn Jahren sind dann die Verdienstchancen auch ok.“*


Ich weiß ehrlich nicht, was manchen Eltern auf den Kopf gefallen ist – vielleicht der Stuck ihrer Altbauwohnung? Es ist aber das andere Extrem von zu dummen Eltern. Und eigentlich macht da das Konto den bekannten Kohl auch nicht fett. Denn unabhängig von der Intelligenz und daherrührend auch oft der finanziellen Mittel, ist die Art der Genese eines scheinbar perfekten Leben für die Kinder, der Kern allen Übels.
Ich beobachte mit Sorge die völlig überliebten (man kan auch sagen: überokkupierten) Kinder in der Tommy Hilfiger-Saisonaussattung, denen es schlichtwig primär an nichts fehlt. Sowohl physisch, als auch oft wirklich psychisch nicht. Das hinter jeder Fassade es auch mal brodelt und nicht alles schick ist: auch korrekt. Aber dennoch haben wir viele Kinder, denen zu ihrer Entwicklung etwas entscheidendes fehlt. Der Mangel. Sie erleben niemals ein Defizit, müssen nicht kompensieren oder kreativ werden. Das ist natürlich oberflächlich betrachtet, aber dennoch treffend. Und entweder rasten diese Kinder dann völlig aus oder -wie meistens- gehen den vorgeebneten Weg der Eltern. Der Weg auf dem außer dem Leistungsprinzip, keinerlei Steine liegen, formt sie zu Betonklötzen, die nie das Meer von Entbehrungen und Herausforderungen umspült und sommit geformt hat. Sie leben das großbürgerliche Carport-Leben ihrer Eltern in Zeitstrahlerweiterung weiter. Mit wenig Ausschlägen und so wenig selbstbestimmt, das auch das wieder eine Art Bestimmung darstellt.
Erschrecken tut mich das immer dann, wenn diese Menschen nach ein paar Gläsern eines alkoholischen Getränks mitteilen, sie hätten den Beruf nur der Eltern wegen ergriffen, sie wollten es ihnen recht machen und nicht für Aufruhr sorgen. Wenn diese im Alltag roboterhaft agierenden Menschen dann von ihren eigentlichen Wünschen und Zielen erzählen sollen (ich frage dann immer), so glänzen ihre Augen in kindlicher Retrospektive, gleich gefolgt von der sehr ernüchternden Erkenntnis, in den Strukturen von Familie, Job und Haus und Co. sich nicht mehr entrinnbar gemacht zu haben. Viele beschreiben es, sich eingemauert zu haben in ein Zentrum der allseitigen Bedienungsverpflichtung. Und landen dann, oft stockunglücklich, wieder da, wo die Mutter der Tochter gute Jobchancen ausrechnet: beim Psychologen. Ein Schelm der dabei Böses denkt.

Rosig sieht die Zukunft der Kinder indes daher nicht aus. Denn das was die beiden befreundeten Ehepaare vorgerückten Alters da in gekonnter Souveränität vortrugen, war weder sarkastisch noch polemisch. Es war ihnen ernst. Und so kann auch unter dem Mantel vollkommener Liebe und materieller Hingabe das Leben für diese beiden Mädchen das Tor in den goldenen Käfig sein. In dem etwas niemals wirklich zählt: die beiden.


* Nur zum Verständnis: Die Causalität zu ziehen zwischen Psychologen und Irren entspringt ganz irrwitzigen, ja borniert-gefährlichen Denkmustern, die es verdammt nochmal längst überholt gehört!