OB Henriette Reker als OB von Köln antritt?

…über Einschnitte.

In Köln, letzen Samstag, 09:04 Uhr, wurde aus dem Wahlkampf ein Kampf um das nackte Überleben für die parteilose Henriette Reker. Der Stand der CDU, an dem sie Rosen verteilte, wurde der Ort eines Messerangriffs, bei dem die Kandidatin schwer verletzt wurde. Laut Presseberichten ist sie immer noch auf der ITS intubiert und beatmet – während sie die Wahl heute, Sonntag, als erste weibliche OB der Stadt Köln, gewann. Der SPD-Gegenkandidat verfehlte den Sieg deutlich; Reker landete die absolute Mehrheit. Doch ob und wie sie ihr Amt antreten wird, ist ungewiss. Viel ungewisser, als es die Medien darzustellen vermögen.

Rückblick. Es ist der 25. April 1990, als Oskar Lafontaine auf einer Wahlkampfveranstaltung von einer geistig verwirrten Frau mit einem Messer in den Hals niedergestochen wird. Kurz nachdem Lafontaine das Krankenhaus verlassen hat, telefoniert er mit Schröder, der gerade die Landtagswahl 1990 in Niedersachsen gewonnen hatte. Sein Stich in den Hals {Attentat auf Lafontaine} habe ihm {Schröder} noch ein paar Prozente mehr beim Wahlergebnis gebracht {siehe hierzu dieses Video ab Minute 27:19 bis 28:05}. Für Lafontaine, noch völlig neben sich nach diesem Lebenseinschnitt, war dies scheinbar der Anfang vom Ende einer Partnerschaft, die später in blanken, wortlosen Hass münden wird.

Life threatening events, also Erlebnisse, die lebensbedrohlich waren, sind für jeden Menschen schwere Einschnitte in sein Leben, seine Seele, sein Verhalten. Prominente Beispiele sind der genannte Oskar Lafontaine, als auch Wolfgang Schäuble, oder die Tennisspielerin Monica Seles, die alle durch Waffengewalt schwer verletzt und lebenslang geschädigt wurden. Physisch sichtbar „nur“ bei Schäuble – durch seine Querschnittslähmung. Vergessen werden aber die psychischen Folgen, die Ängste, Schreckhaftigkeit und eine großes Maß an Verlust von Urvertrauen in andere Menschen.
So stellt sich nicht nur die Frage, ob Henriette Reker wieder physisch auf die sprichwörtlichen Beine kommt, sondern auch, ob sie dieses Amt überhaupt antreten will und kann. Denn der Täter hat sie nicht nur körperlich fast getötet, sondern auch ein großes Stück ihrer Seele ist letzten Samstag um 09:04 Uhr Opfer geworden.

Ich wünsche Henriette Reker von Herzen eine Genesung; nicht nur ihrer Wunden, sondern auch ihrer Seele, deren Verletzungsschwere nicht einmal abzusehen ist.

Es ist nichts überstanden – es fängt grade erst an.