Weil es alle schreiben, ist es noch lange nicht richtig

…über was mit ziemlich doof.

Heute mal etwas aus meinem „Arbeitsalltag“ als Dozent und Autor:
Vergiftungen sind meistens nicht geplant und in der Regel nicht der Wunsch des Patienten. Daher gibt es für medizinische Notfälle den europaweiten Notruf 112.
Doch um den Bürgerinnen und Bürgern noch einen weiteren Service zu bieten, haben verschiedene toxikologische Institute namhafter Universitätskliniken „Giftinformationszentren“, kurz GIZ, gegründet. Die bundeseinheitliche Stammnummer ist die {Vorwahl}-19240. Dazu kommt die regionale Vorwahl, z.B. GIZ Mainz ist die 06131-19240, oder das GIZ Berlin, 030-19240. 24 Stunden erreichbar.
Soweit so gut. Doch landauf, landab – und selbst in den Publikationen der GIZ – wird vom „Giftnotruf“ gesprochen; das sorgt entsprechend für Verwirrung, da manche Menschen glauben, für einen Notfall mit Gift müsse man sich nun eine weitere Rufnummer merken; die vor allem aufgrund der Vorwohl schon gar nicht als leicht merkbare Notrufnummer einsetzbar ist. Muss man natürlich nicht!
Wenn der Patient akute und sogar lebensbedrohliche Vergiftungszeichen zeigt, ist natürlich die Rufnummer der Wahl die 112.
Daher plädiere ich seit Jahren, das Kinde beim Namen zu nennen, was es ist: Eine Informationshotline. Nicht der Abwertung, sondern der Klarstellung für den verwirrten Laien wegen.
Genau solche Missverständnisse können zum Start von massiven Fehlerketten der Versorgung starten – wenn z.B. minutenlang erst versucht wird die Nummer des vermeintlichen „Giftnotrufs“ zu finden, anstatt den „wahren“ Notruf zu wählen. Denn die GIZ kann keine Einsatzfahrzeuge schicken, sie ist lediglich beratend tätig.

Daher nochmal zum Mitmeißeln:

NOTRUF Feuerwehr/Rettungsdienst: 112 (ggf. bei Telefonanlage mit 0- vorweg)
{bundes- und europaweit; egal ob u.a. in Bayern noch 19222 auf Fahrzeugen steht)

GiftINFORMATIONSzentrum, zum Beispiel GIZ Mainz: 06131 – 19240

Ach, wo wir gerade so nett zusammensitzen:
Auch die Formulierung von Ausbilderinnen und Ausbildern, es sei egal, ob man bei 112 (Feuerwehr/Rettungsdienst) oder bei 110 (Polizei) anriefe, ist in der Realität Quatsch.
Es kommt immer zu inhaltlichen und organisatorischen Pannen. Sei es beim Durchstellen, sei es bei der Abfrage durch den fachlich eben nicht geeigneten Disponenten oder zu Kommunikationspannen unter den Behörden. Ein Polizeidisponent kann (auch wenn er es manchmal tut und gut meint) einen medizinischen Notfall nicht so gut abfragen, wie eben ein Feuerwehrdisponent. Und das ganze auch umgekehrt. Bei einem laufenden Überfall erst bei der 112 anzurufen, macht wenig Sinn.

Es sind nur zwei Nummern, die man sich merken oder aber gerne abspeichern kann:

112 – Feuerwehr und Rettungsdienst (sowie damit inbegriffen der Notarzt, den man aber nicht „bestellen“ kann; Notärzte sind nicht der Kassenärztliche Notdienst bzw. Ärztliche Bereitschaftsdienst (Fieber , Husten, Schnupfen, mimimi, wenn der Hausarzt zu hat), sondern eine Einsatzeinheit (NEF, oder früher: NAW), die nach dem jeweiligen Notarztindikationskatalog in Verbindung mit der lokalen AAO, der Alarm- und Ausrückeordnung, alarmiert wird. In der Regel bei bestätigter, zu vermutender oder nicht auszuschließender Lebensgefahr eines oder mehrerer Patienten.
Achso: Und für die Zahnarztehefrauen oder hypertrophen Privatpatienten unter den geneigten Lesern: Man kann auch keinen Rettungshubschrauber (RTH) bestellen – dieser wird ebenfalls nach Verfügbarkeit, Einsatzort (Landen geht eben nicht in jedem Vorgarten), Einsatzindikation und auch der Wetterlage alarmiert. Denn: (primäre) Luftrettung ist Sichtflug (VFR)*.

110 – Polizei

Übrigens: Moderne Autos und in baldiger Zukunft auch Gebrauchtwagen, werden über eine Notruftaste verfügen. Mein aktuelles Fahrzeug hat das schon als Feature. Entweder löse ich selber den Notruf aus, oder aber bei Auslösung meiner Airbags, sendet das System automatisch den Notruf inklusive meines exakten Standorts. Das Einschalten der Warnblinkanlage, finde ich, hätte schon vor 20 Jahren zum Standard bei Airbagauslösung gehört – aber mich fragt man ja nicht immer…

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* aktuelle Teststellungen, Primärluftrettung auch in der Nacht unter IFR-Bedingungen (Instrumentenflugregeln) durchzuführen, insbesondere in schwach besiedelten Landstrichen, sind hiervon ausgenommen. Das ist noch Testphase und keine etablierte Situation bis auf weiteres.